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Frankfurter Neue Presse vom 20.11.2007
Neu-Isenburg. Konzentriert blickt Udo Diegelmann
zu seinem konzertanten Partner — es ist ein moderner kleiner Kasten, im Volksmund
auch Laptop genannt — dann setzt er den ersten Takt auf dem Marimbaphon. Die Taktfolgen
des Musikvirtuosen werden immer variantenreicher, zwischendurch erklingt die Elektronik
seines Spielpartners. Das Stück „Pentaphase für Marimbaphon und Elektronik“
komponierte Udo Diegelmann bereits im Jahre 1997, noch heute zählt es zu den
Glanzstücken experimenteller Musik. Sie war einer der Höhepunkte des Sinfoniekonzertes
in der Isenburger Hugenottenhalle.
Dies soll jedoch die anderen Programmpunkte keineswegs schmälern. Bereits der
Auftakt hatte furios begonnen. Die mit abwechslungsreichem Instrumentarium besetzte
Sinfonie Es-Dur aus der Feder von Antonin Rejcha erforderte von allen Mitwirkenden
besondere Konzentration auf.
Auch das Capricietto für vier Pauken, hier wieder mit dem renommierten Schlagzeuger
Udo Diegelmann als Solisten, schien alle herauszufordern. Ganz präzis wurden
die Paukenschläge gesetzt und ganz präzis folgte der restliche Klangkörper
dem Dirigentenstab von Peter Halmi. Der Komponist Ottmar Gerster wäre wohl begeistert
gewesen.
Wie im berühmten Gewandhaus von Leipzig durften sich die Zuhörer fühlen,
dort wurde 1811 nämlich das fünfte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven
uraufgeführt. In der Isenburger Hugenottenhalle saß ein heimischer Konzertpianist
am Klavier, Klaus Cutik, der Leiter der Musikschule Dreieich. Am Ende gab es tosenden
Applaus für alle Mitwirkenden — und Peter Halmi war zufrieden. Denn für
ihn gilt das Motto: „Was zählt ist, wie dem Publikum unser Konzert gefällt“.
(lp)
Am Samstag, 15. Dezember, 19 Uhr, wird das konzertante Ereignis im Bürgerhaus
Sprendlingen wiederholt.

Mühlheimer Nachrichten vom 2. 7. 2007

Langener Zeitung vom 4. 7. 2007

Von Doris Bauer
HAMMELBURG Rund 300 Zuhörer durften im Rahmen des Herbstkonzertes der
Stadtkapelle Hammelburg unter der Leitung von Hubert Hoche Zeuge der Uraufführung
des Stückes „Treffpunkt 4/4/3" des Komponisten Udo Diegelmann sein. „Europa
einmal anders" hieß das Motto, das sieben Länder klangvoll repräsentierte.
Eine Uraufführung ist ein feierlicher und durchaus ernster Akt. Diese zielte
aber ebenso ganz bewusst auf die Erheiterung des Publikums ab. Durch den Rollentausch
von Bläsern und Schlagzeugern an ihren Instrumenten und den Einsatz von untypischen
Blasinstrumenten, wie einem Fön oder Laubsauger waren die Musiker fast schauspielerisch
gefordert. So überraschte der Frankfurter Komponist mit einem zeitgenössischen
Stück inklusive, „humorvollen Tendenzen", wie der Komponist und freie Musiker
selbst betonte. Der Titel „Treffpunkt 4/4/3" spiegelt die wechselnden Taktarten
wider.
Minimal Music
„Treffpunkt heißt es auch deswegen, weil verschiedene Musikrichtungen aufeinander
treffen", bemerkte der Künstler, der von der „Minimal Music", die
sich in den 60er und 70er Jahren in den USA entwickelte, inspirieren ließ und
im Stück selbst am Marimbaphon, einem xylophonartigen Instrument, aktiv mitwirkte.
So wurden Rhythmus und Melodie verschoben oder gegeneinander gesetzt und die warmen
Töne des Marimbaphons mit dem strengen Orchesterklang konfrontiert.
Dass ausgerechnet die Stadtkapelle Hammelburg dieses Stück zum ersten Mal zum
Besten brachte, ist dem Kontakt des Komponisten zum Dirigenten Hubert Hoche zu verdanken.
Die beiden lernten sich vor Jahren auf Musikveranstaltungen, wie den Weimarer Frühjahrstagen,
kennen und arbeiten schon einige Zeit zusammen. So entstand die Idee einer modernen
und gelungenen Komposition für ein Blasorchester. Mit großem Applaus würdigte
das Publikum den Höhepunkt des Abends.
Main-Echo, 14.11.2006
Von unserer Mitarbeiterin BARBARA OSCHMANN
HAMMELBURG Eine beeindruckende Visitenkarte gab die Stadtkapelle Hammelburg bei
ihrem Herbstkonzert im Heinrich-Köppler-Haus ab. Mit ihrem neuen Dirigenten
Hubert Hoche bot sie vor gut besetzten Rängen eine musikalische Rundreise durch
Europa.
„Ein tolles Konzert. Das war mal etwas ganz anderes", schwärmen zwei
Konzertbesucher auf dem Nachhauseweg. Und in der Tat sind ganz ungewohnte Klänge
zu hören. So bei der Uraufführung von Udo Diegelmanns „Treffpunkt 4/4/3".
Der Komponist des Stückes, selbst anwesend, spielt das Marimbaphon. Die Station
Deutschland bildet somit den musikalischen Höhepunkt der Europareise.
Denn Rollentausch ist angesagt zwischen Blas- und Schlaginstrumenten, was an diesem
11.11. durchaus als kleine Hommage an den Faschingsauftakt verstanden werden darf.
Schon beim Auflegen der großformatigen Partitur lacht Dirigent Hoche mit seinen
Musikern und meint: „Des is scho ä Pfund!"
Die erstaunten Zuhörer beobachten nun, wie die Blasmusiker durch Klopfen auf
ihre Mundstücke den Rhythmus vorgeben. Udo Diegelmann lässt seine Klöppel
zunächst links liegen und entlockt seinem Marimbaphon Töne durch Anblasen
der hölzernen Klangkörper. Die Schlagzeuger tun es ihm nach, nur nehmen
sie neben der Atemluft noch Fön und Laubsauger zu Hilfe.
Die Komposition lässt schließlich alle wieder zu ihrer gewohnten Spielweise
zurückkehren, die Betonung bleibt jedoch auf der Rhythmik. Alle Register schwellen
zu voller Lautstärke an, bevor das Marimbaphon einen Solopart hat. Weiche, warme
Töne tropfen nun in den Saal, allmählich wieder begleitet durch Fagott
und Posaunen, bis alle Instrumente nach und nach wieder einsteigen. Den Schluss bilden
wie eingangs die Schlaginstrumente, die durch Anblasen zum Klingen gebracht werden.
Dass das Experiment mit
diesem ungewöhnlichen Stück gut angekommen ist, zeigt der langanhaltende
Applaus eines begeisterten Publikums.
Doch auch die anderen Stationen auf dem Flug durch Europa (mit „Reiseführerin"
Kerstin Golling) haben viel Abwechslung zu bieten: Getragenes aus den Niederlanden,
orientalische Anklänge aus Griechenland, fröhlich Tänzerisches aus
England, vielseitige musikalische Bilder aus Österreich und eine sehr interessante
Komposition aus Italien, die in fremde Welten entführt.
Die Stadtkapelle bietet an diesem Abend anspruchsvolle, symphonische Blasmusik und
bei allem einen sehr homogenen Klangkörper. Für alle Liebhaber der Blasmusik
darf jedoch der beliebte Otto-Zeier-Marsch als Zugabe nicht fehlen -sicher und souverän
dargeboten. Die Idee einer europäischen Reise geht auf die Jubilarin Europa-Union
Hammelburg (50 Jahre) zurück. So stimmt am Ende der ganze Saal in die Europa-Hymne
„Freude schöner Götterfunken" mit ein.

zu Treffpunkt 4/4/3:
Immer beim Hören der Konzerte sinfonischer Blasorchester beeindruckte mich
vor allem der Aspekt der Performance.
D.h. es gibt viel zu sehen, da die Musiker nicht im Orchestergraben den Blicken des
Publikums verborgen sind, sondern sich auf der Bühne offen präsentieren.
Da geschieht unwillkürlich sehr viel Interessantes, nicht nur die Bedienung
der Instrumente, die Gesten, die Mimik und die Motorik der Spieler, sondern auch
der geordnete Auf- und Abzug und die Interaktion. Ich hatte bei diesen Gelegenheiten
stets den Wunsch, da es sich ja quasi schon um eine Bühnenshow handelt, deren
dramatischen Aspekt zu verstärken und gestalterisch als Komponist in das Bühnengeschehen
einer konzertanten Aufführung einzuwirken.
Es kommt in der Ouvertüre von Treffpunkt 4/4/3 zur Einbeziehung einer Szene.
Da Musiker keine Schauspieler sind, können szenische Anweisungen nur aus dem
normalen Bühnenverhalten der Musiker heraus vorgenommen werden. Das, was ich
mir überlegt habe, soll Spaß machen, sowohl den Spielern als auch dem
Publikum.
Das Stück insgesamt ist eine Melange, bestehend aus traditioneller Harmonik:
Dur, Moll, mit Optionen und Funktionserweiterungen, Elemente des Bigband Jazz fließen
ein, in erster Linie aber moderne Klassik in Form eines Minimal-music Stils. Wie
häufig, besteht auch diese Komposition aus mehreren gleichzeitig stattfindenden
Schichten, Ebenen, die ja eher unbewusst vom Hörer wahrgenommen werden. So gibt
es neben dem szenischen natürlich den musiktheoretischen Aspekt.
Der Hauptteil 1 nach der Ouvertüre und vor der beinahe unbegleiteten Marimba-Solo
Kadenz besteht aus einem 11/8 Pattern, das 11 mal um eine Achtel Note verschoben
wird. Während die Saxofongruppe die Grundform beibehält, erklingen in den
anderen Stimmen nach und nach die 11 Verschiebungen und zwar so, dass zur Grundform
immer zwei weitere Verschiebungen gleichzeitig zu hören sind. Es entsteht der
erwünschte rollende rhythmische Effekt, die Steigerung eines kanonischen, bzw.
komplementär-rhythmischen Prinzips. Aus diesem Klangteppich erwachsen reizvolle
Motive und Themen, zunächst für die Trompeten und schließlich für
alle Blasinstrumente. Nachdem der energetische Verlauf in der Marimba-Solo Kadenz
einen Ruhepunkt findet, baut sich die Spannung danach erneut auf. Das motivische
Material wird im Hauptteil 2 sowie im Finale wieder aufgegriffen, verändert
und unter neuen Gesichtspunkten präsentiert, so dass die Verarbeitung sinnvoll
zu Ende geführt wird. Den Abschluss bildet ein szenisches Understatement als
Rückbezug zum Anfang.
Udo Diegelmann, Frankfurt am Main, den 16.10. 2006






Bei vier Urauführungen stellten sich die Komponisten Gerhard
Müller-Hornbach, Hubert Hoche, Pere Pou Llompart und Udo Diegelmann, die beiden
letztgenannten sind auch Mitglieder des ausführenden con tempo Ensembles, der
Herausforderung, die Texte dieser Autoren zu vertonen. Eine besondere Aufgabe in
der Neuen Musik, wenn man an den lapidar-komisch-humorvollen Stil des Satirikers
Gernhardt oder die apokalyptischen Visionen Böhmers denkt. Jeder Komponist fand
eine ganz eigene und jeder eine andere Art der Umsetzung. Die Werke wurden vom con
tempo Ensemble für die Besetzung Tenor (Pere Pou Llompart), Trompete (Peter
Knodt), Kontrabass (Johannes Knirsch) und Schlagzeug (Udo Diegelmann) in Auftrag
gegeben. Udo Diegelmann, Spiritus-Rector des Festivals, führte das Publikum
in jedes Konzert ein. Die Texte wurden vor der Musikinterpretation von Michael Hohmann,
Leiter der Romanfabrik, gelesen. Der Autor Paulus Böhmer gehörter zu den
Zuhörern. Die Uraufführungen wurden mit Karlheinz Stockhausens "Melodien
und Texten zum Tierkreis" von 1975 ergänzt. Frau Staatsministerin a.d.
Ruth Wagner und Vizepräsidentin des hessischen Landtages eröffnete mit
einem eindrucksvollen Begrüßungsvortrag die 2. Frankfurter Herbsttage
für Neue Komposition.
Bei der Uraufführung von Hubert Hoches Schöne Fraun nach Robert
Gernhardts gleichnamigem Gedicht für Tenor, Trompete und Schlagzeug darf der
Schlagzeuger die Instrumente nur mit den Fingern anschlagen. Hoche lies ihn, gemeinsam
mit dem Tenor und dem Trompeter in kurzen, die Musik ergänzenden Szenen, demonstrieren,
dass schöne Frau´n einem wahrhaft den Verstand rauben können.
Die 2. Uraufführung war Udo Diegelmanns Komposition Welt 17 nach Robert
Gernhardt für Tenor, Trompete, Kontrabass und Schlagzeug. Dass Robert Gernhardt
mit den betagten Katzen in seinem Gedicht, Welt, Raum, Zeit nicht unbedingt Schmusekätzchen
meinte, hat man spätestens dann erkannt, als bei Einspielungen von Tierstimmen
in Diegelmanns Komposition, Löwengebrüll erklang. Die Musik folgte einerseits
formalen Vorgaben des Gedichtes (Zeilenzahl, Silbenzahl), transportierte gleichzeitig
auch die komischen, satirischen und assoziativen Elemente des Texts.
Die folgende Uraufführung von Gerhard Müller-Hornbachs Komm, erstes
Wort - und anderes... bestand aus fünf Miniaturen nach fünf Gedichten
von Robert Gernhardt für Stimme, Trompete, Kontrabass und Schlagzeug.
Die Reduzierung der Texte auf nur Vokale und Konsonanten als Grundlage des Gesangstextes
und homophone, mosaikartige Struktur der Begleitinstrumente, hatte eine belustigende
Wirkung auf die Hörer und erinnerte an ausgelassene Sprechspielereien aus Kinderzeiten.
Müller Hornbach übertrug in seiner Art der Vertonung die rhythmischen,
formalen und klanglichen Qualitäten der Gedichte ins Musikalische und fing dabei
etwas von deren humorvoll-hintergründigen und lapidaren Charakter ein.
Den Abschluss bildete die Uraufführung von Pere Pou Llomparts Kryptykon
nach Texten von Paulus Böhmer für Tenor, Trompete, Kontrabass und Schlagzeug.
Llompart teilte den 20 seitigen Böhmer Text: Ich bin Boticcelli oder - Zucker
in der Weltmaschine in zwei Teile: nur in musikalische Stimmung umzuwandelnde und
in als Gesangsstext zu vertonende Passagen. So konnte er die apokalyptischen, depressiven
Bilder in seiner Musik ausdrucksvoll wiedergeben und gleichzeitig einen grossen Teil
des Textes präsentieren und gesanglich deuten.
Die gelockerte, angenehme Stimmung in die Publikum und Beteiligte an diesem Abend
kamen, zeugte von einem gelungenen Versuch Humor und Neue Musik zusammenzubringen.
Er bewirkte nicht ein lautes Herausprusten, sondern ein amüsiertes In-sich-hineinlächeln
und bescherte allen einen entspannten Donnerstagabend.
Das Konzert 2, am Mittwoch, 10. November 2004, trug den Titel Musik + Scheinwelt.
Das Streichtrio via nova aus Weimar bestehend aus Magdalena Rozanska, Violine,
Christiane Freywald, Viola, Markus Löbling, Violoncello musizierte mit 2 Gastgebern
als Gäste: Udo Diegelmann, Glasschlagzeug, und Peter Knodt, Glastrompete.
Den Begriff Scheinwelt verwendet man gemeinhin dann, wenn jemand fern jeder Realität,
in seinen Träumen vor sich hinlebt. Weitergefasst aber, lebt im philosophischen
Sinn ja jeder in seiner eigenen, inneren Scheinwelt, die sich von der objektiven,
äußeren Welt, die für alle gleich ist unterscheidet. Beim Komponieren
überträgt jeder Komponist automatisch seine innere Scheinwelt in die Musik
und teilt so den Hörern auch etwas sehr persönliches mit.
Die Komponisten Johannes K. Hildebrandt, Pere Pou Llompart, Peter Knodt und Udo Diegelmann
waren anwesend, erläuterten ihre Werke und standen auch für Fragen zur
Verfügung. Das erste Werk Windspiele von 1995 für Streichtrio war
sozusagen die Visitenkarte des via nova Ensembles. Ob leichtes Säuseln, eine
kräftige Bö, oder peitschender Sturm und Gewitter, die drei Streicher waren
allen Anforderungen die der Komponist Siegfried Matthus an das Zusammenspiel und
die virtuose Klanggestaltung von Violine, Viola und Violoncello stellt, gewachsen.
Und so auch bei den folgenden Uraufführungen: Peter Knodts Werk trug den Titel
Glasstrich für Streichtrio und Glastrompete.
Peter Knodt verfügt über reichhaltige Erfahrung auf der Glastrompete. Er
setzte den reinen Tönen des Trios die naturschönen, durch Überblastechnik
aber in der Zahl begrenzten Töne seiner Glastrompete entgegen. Für ihn
stellt die Begrenzung eine Scheinwelt dar.
Die Uraufführung von Pere Pou Llomparts Streichtrio war von Begriffen
inspiriert, die der Komponisten selbst für sein Stück entwickelt hat, wie
Klangillusion, Nachklang oder gehörter aber nicht gespielter Klang.
Bei der Uraufführung von GlaeSig für Streichtrio und Glasschlagzeug
wirkte der Komponist Udo Diegelmann als Glasschlagzeuger mit. Für ihn ist Glas
von jeher ein Symbol der Scheinwelt, des paradiesartigen Jenseits. Ein Hinweis aus
altnordischen Volksmärchen hierauf sind auch die Glaesisvellir, ferne Glasberge,
die als Totenberge bezeichhnet werden. Die Mythologie- und Sprachforscher Gebrüder
Wilhelm und Jacob Grimm aus Hanau haben in der Tat zwischen 1812 und 1857 nicht wenige
Geschichten gesammelt und herausgebracht, in denen Glasberge eine immer wieder bedeutende
Rolle spielen und die den Symbolwert des Glases anschaulich unterstreichen. Michael
Hohmann las dazu Auszüge aus dem Märchen der Trommler und machte
anschaulich, wie Märchen, Träume, oder Vorstellungen über ein Leben
nach dem Tod Scheinwelten sind.
Die 4. Uraufführung und Abschluss des Abends bildete Johannes K. Hildebrandts
Bruchstück II für Streichtrio. Der Weimarer Komponist und Leiter
des via Nova Ensembles hatte dieses Bruchstück, es soll später durch weitere
ergänzt werden, speziell für die 2. Frankfurter Herbsttage fertiggestellt.
Das Konzert 3 am Donnerstag dem 11. November 2004 trug den Titel Musik + Naturwelt
Das shawnigan-trio um den Flötisten Mathias von Brenndorf, mit Ulrike Goldbeck,
Klavier und Mario Blaumer, Violoncello begeisterte an diesem Abend das Publikum durch
eine hervorragende Ensembleleistung.
Zu Anamnesis IV von 1995 des Amerikaners William Jordan las Michael Hohmann
Texte von Ingeborg Bachmann, Günther Grass und H.C. Artmann nach denen die einzelnen
Sätze des Werks komponiert worden waren.
Nach der folgenden Triomusik von 2003 stand deren Komponist Patrik Bishay
für die Fragen des Publikums zur Verfügung.
Stephan Adams Techno Macabre, ebenfalls aus dem Jahre 2003, stellte höchste
Ansprüche an die Virtuosität des Trios.
Das Wesen, die Geräusche der Natur bzw. Stimmen von Tieren interessieren Komponisten
seit jeher sehr stark. Dafür, daß bildende Künstler und auch Musiker
sich von der dem Menschen übergeordneten Natur, er ist ja deren Bestandteil,
für die von und für Menschen gemachte Kunst inspirieren lassen, gibt es
viele Beispiele. Beethovens Pastorale und Olivier Messiaens Vogelkatalog seien kurz
erwähnt.
Der 1929 geborene amerikanische Komponist George Crumb hat in seinen Vox Balaenae
für Flöte, Klavier und Cello von 1971, die Aufnahmen von Walstimmen als
Grundlage verwandt. Von CD eingespielte Walgesänge versetzten das Publikum vor
Konzertbeginn sowie vor dieser Schlusskomposition in die passende Stimmung. Die Ruhe,
die von der Komposition und der Interpretation durch das shawnigan-trio ausging,
lies die Hörer in blaue Tiefen versinken, vermittelte die Ahnung eines Naturgrabs
mit unendlich weiten Räumen.
Das Motto Musik+, die Erweiterung um ein übergeordnetes Thema oder eine andere
Kunstform, wurde beim 4. und Abschlusskonzert am 13. November 2004 wieder
durch Prosa und Lyrik bzw. diesmal durch das Thema "Schicksal" eingelöst.
Das Bärmann Trio, bestehend aus 2 Klarinettisten des Radio Sinfonie-Orchesters
Frankfurt, Sven van der Kuip und Ulrich Büsing, dem Pianisten John Noel Attard
und die Schauspielerin Birgit Kindler präsentierten eine anregende Mischung
aus Kammermusik und Lesung. Die Texte von Paolo Coelho, Giorgio Manganelli und Bruice
Chatwin, handelten von Schuld, Angst und Hölle und waren auf eine besondere,
assoziative, die Phantasie anregende Weise mit den Kompositionen verbunden. Im Zentrum
des Programms standen Werke von Margret Wolf, Andreas Sorg, Giselher Klebe und Erkki-Sven
Tüür, die zum Teil vom Bärmann-trio in Auftrag gegeben und bereits
uraufgeführt wurden. Die FAZ vom 8. Mai 2003 beschrieb die Stimmung der Musik
und der Texte als oft schwer und bedrückend, in tiefste Tiefen menschlicher
Psyche hinabsteigend. Speziell für die 2. Frankfurter Herbsttage für Neue
Komposition wurde das Programm mit weiteren Gedichten von Peter Huchel, Ingeborg
Bachmann, Hilde Domin sowie die Uraufführung des Werks "about Eve"
des Frankfurter Komponisten Patrik Bishay ergänzt. Er beantwortete vor der Pause
einem interessierten Publikum mehrere Fragen u.a. auf welche Parameter sich bei seinem
Stück die Fibunacci Reihe bezieht. Die ausser Frage stehende hervorragende Leistung
des Bärmann trios wurde durch die Seelenruhe mit der Birgit Kindler die Texte
zelebrierend und konzentriert las, abgerundet.
Beim Schlussstück : Andreas Sorgs Höllental sowie Bruce Chatwins
Text, Traumpfade, klang noch einmal an, was sich im Laufe der 4 Konzerte trotz
unterschiedlicher Einzelthemen als Gesamtessenz herausschälte: Existenz und
Philosophie sind passende Themen zu der Musik, die momentan komponiert wird und
die unsere Gegenwart mit Hinblick auf die Zukunft beschreibt und in sich trägt.
Die Werkseinführungen, das Anschaulichmachen durch Beispiele, das Lesen der
Texte und die offene Beantwortung der Publikumsfragen durch die Komponisten und Musiker
vor der Pause bildeten insgesamt eine Form der Vermittlung Neuer Musik, die, entsprechend
eines Grundsatzes des con tempo Kulturvereins, die dargebotene Musik transparent
und einem breiteren Publikum zugänglich machte und von den Besuchern sehr gut
aufgenommen wurde.
Die Herbsttage für neue Komposition eröffneten in
der Frankfurter Romanfabrik.
Soweit bekannt, ist bisher noch kein Komponist auf die Idee gekommen,
Texte des meistgelesenen deutschen Lyrikers unserer Zeit zu vertonen. Warum Robert
Gernhardts Gedichte mit Neuer Musik möglicherweise schwer zusammengehen könnten,
ist wohl die Frage. Es könnte sein, dass die milde Ironie, die bisweilen larmoyante
und männerbewegte Melancholie, das lustvolle Bad Gernhardts im Unaussprechlichen,
die in ausgewählte Form und Verse gegossene Spannung von Pathos und Alltag dem
ernsthaften musikalischen Diskurs im Wege steht. Oder anders: Es ist schwer zu glauben,
dass Neue Musik auch zum Lächeln bringen kann.
Das Eröffnungskonzert der 2. Herbsttage für neue Komposition in der Romanfabrik
führte die Lösung dieser Problematik eindringlich vor. Werke von Hubert
Hoche, Udo Diegelmann und Gerhard Müller-Hornbach suchten nach gangbaren Wegen,
konzentriert auf die Besetzung des «Con Tempo Ensemble» mit Udo Diegelmann
am Schlagzeug, dem Trompeter Peter Knodt, dem Kontrabassisten Johannes Knirsch, dazu
dem virtuos zelebrierenden Tenor Pere Pou Llompart. Hoche und Diegelmann strukturieren
die Texte («Schöne Fraun», «Welt 17») durch instrumentale
Kommentare und freibetonende Textdeklamation. Mehr oder weniger assoziative Vertonungen.
Müller-Hornbach nimmt sich mit dadaistischem Verfremden (nur Vokale, nur Konsonanten)
die Texte vor – eine höhere Ebene von verbal-instrumentaler Verschmelzung. Ob
hier auch noch eine höhere Ebene von Humor möglich wird? Immerhin, ein
gelungener Versuch.
Wie Treppen klingen
Musikalisch-literarische Soiree: „Chateauphonie“, eine etwas andere Führung
durch das Jagdschloss und den Garten in Kranichstein
DARMSTADT. Im Schloss Kranichstein in Darmstadt dreht sich alles um die Jagd.
In den Vitrinen glänzen Waffen aus vier Jahrhunderten und an den Wänden
hängen die erbeuteten Geweihe. Wegen der reizvollen Umgebung sind Rundgänge
durch die Räume und den Garten nicht nur bei Jägern begehrt. Am Samstag
lud Ruth Fühner gemeinsam mit der Posaunistin Annemarie Roelofs und dem Schlagzeuger
Udo Diegelmann zu einer etwas anderen Führung - mit anzüglichen Texten
und beziehungsreicher Musik. „Chateauphonie“ hieß diese Soiree.
Mit der Posaune fängt alles an. Sie kann wie eine Fanfare klingen, aber auch
wie ein Horn. Immer jedoch gibt sie ein Signal – der Trommler weist den Weg. Ihm
folgen alle in den Gemüsegarten, wo die Pflanzen aussehen, als sollten sie lediglich
den Blick ergötzen. Erst wenn man sich auf den ungewöhnlichen Dialog zwischen
Posaune und Becken einlässt, blickt man dahinter und erkennt, dass es sich um
Obstbäume und Nutzpflanzen handelt. Die Musik ist verschweißt mit den
Texten gekrönter Häupter und inspirierter Literaten. Bei Kafka endet der
Übermut, und die Gesellschaft wechselt in die Waffenkammer, wo sie von den Musikern
mit Knarre und Perkussion erwartet wird. Die Parforce-Jagd ist schließlich
ja keine Kaffeefahrt.
Schlösser erzählen Geschichten, und Ruth Fühner hört ihnen zu.
Doch was sie woanders erfuhr, taugt nicht in dieser Umgebung. In Kranichstein mussten
Tiere sterben, damit Fürsten ihr Vergnügen fanden. Deshalb ist die Performance
hier weniger ausgelassen, als in Mainz oder Hanau, und auch in der Musik werden Kugeln
gegossen, um Hirsche zu treffen. Annemarie Roelofs erregt mit ihrer Posaune die anmutige
Resonanz eines Glockenspiels, die sich in einem aggressiven Schlagzeugsolo Bahn bricht.
Die Philosophie des Raumes erschließt sich durch Backpfeifen mit Schlagzeugstöcken,
die jeder Treppenstufe einen eigenen Klang abringen. Und immer wieder Jagdsignale.
Im Rondellzimmer wartet auf Udo Diegelmann das Marimbaphon, und Annemarie Roelofs
greift zur Violine. Früher konnte man hier aus jedem der Fenster eine andere
Schneise beobachten. Wo immer sich die Keiler hinwandten, wartete der Tod auf sie.
Die Hirschgeweihe an den Wänden werden in die Perkussion einbezogen. Aus einem
Lautsprecher erklingt elektronisches Geknatter, das sich bald zu Waldgeräuschen
wandelt. Die Instrumente lachen behäbig. Dann röhrt ein Hirsch, dem die
Posaune antwortet. Die Erwiderung kommt von grunzenden Wildschweinen. Die Dialoge
steigern sich, werden schneller, erregter, heftiger – bis die „Chateauphonie“ abbricht
und auch Franz K. sprachlos ist. Hinterlistig hat sich das Schloss seinen Blicken
entzogen.
Marc Mandel


Zum Konzert der Spitzenklasse avancierte die Matinee des con tempo Ensembles in Obernburg. Peter Knodt und Udo Diegelmann sorgten mit ihrem Programm Klangszenen, einer Darbietung deutscher und amerikanischer Kompositionen, für aussergewöhnliche Eindrücke. Dieter Schaller moderierte das ungewöhnliche Konzert.
Die beiden Musiker beherrschen virtuos ihre Instrimente, sie zeigen sicheres Gespür für harmonische Proportionen, im formalen, melodischen und rhythmischen Aufbau. Ihre Interpretation lebt von Witz und spontanen Einfällen. Da wirkt nichts gekünstelt. Und sie haben Mut zum Experiment.
Verblüffend klar und mit Blubbergeräusch wurden Trompetentöne im Wassereimer produziert, außerdem machte man Bekanntschaft mit einer Glastrompete. Fabelhaft, was Knodt damit an Naturtönen hervorzaubern kann, sogar Zweistimmigkeit. In seinen Haiku-Vertonungen illustriert Knodt damit die verschiedensten Bilder, man hört im Wald die Säge oder den Storch durch den Frühling staksen.
Ein hervorragend aufeinander eingespieltes Duo, das mit dan klanglichen Möglichkeiten von Marimba, Vibraphon, Trommeln Tempelblöcken, den verschiedensten percussiven und aerophonen Klangfarben spielt und wundersame Assoziationen weckt.
Selbst wenn beide Musiker durch einen Vorhang getrennt sind, schaffen sie einen präzisen gemeinsamen Anfang und lupenrein unisono geführte Passagen. Imponierend, wie virtuos Diegelmann mit vier Schlegeln über die Holz -und Metallplatten fegt und sein Spiel bei seiner Komposition Pentaphase noch mit Tonbandklängen kombiniert.
Ob bei Ben Johnstons Palindromes, Hubert Hoches TWOgether oder K.H.Stockhausens Tierkreis; Auffallend ist die Affinität zu den Kunstformen Literatur und szenische Darstellung. So bot dieses Konzert auch durch Dieter Schallers einfallsreiche Moderation einen leichten Zugang und spannende Stunden für die sich das Publikum lange und herzlich bedankte.
Heike Aengenheyster-Blum
Frankfurter Rundschau 2002, Kulturspiegel
Erscheinungsdatum 08.11.2002
C- & A-Moll
Neue Musik und Jazz mit dem Frankfurter New Music Trio
Von Bernhard Uske
Gäbe es einen Gleichstellungsbeauftragten für Jazz - das Auftaktkonzert
der "Frankfurter Herbsttage für Neue Komposition 2002" wäre nicht
durchgegangen. "Neue Musik und Jazz" war dessen Thema, aber wo bitteschön
blieb der Jazz? Die drei Mitglieder des Frankfurter New Music Trio - Annemarie Roelofs,
Vitold Rek und Udo Diegelmann haben als Geigerin und Posaunistin, als Kontrabassist
und Schlagzeuger in der Improvisations- und Jazzszene einen guten Namen und ihre
eigenen Werke, die das Programm des Abends im Theaterhaus in Gestalt von fünf
Uraufführungen ausmachten, passten dazu.
Allerdings hat der Kontakt mit der Neuen Musik, der sich hier dokumentierte, anscheinend
eine Art Jazz-Ausnüchterung bewirkt und die Wurzeln des Idioms austrocknen lassen.
Bei Udo Diegelmann, der als höchst sublimer Schlagzeuger und Komponist in Frankfurt
bekannt ist, war man solch experimentelle Klangresultate gewöhnt.
Dass aber auch Annemarie Roelofs und Vitold Rek sich auf solch ungewohntem Klangboden
bewegen, war eher überraschend, wenngleich charakteristischer Personalstil durchaus
erhalten geblieben ist. In zarter Nostalgie artikulierten sich die Intonationen polnischer
Volksliedtradition (Tell me my boy) und slawisch-russischer Pentatonik (Hey you)
bei dem polnischen Ausnahme-Jazzbassisten, dessen hypersensible Instrumentenbehandlung
allein schon ein Genuss war.
Gegenüber den beiden männlichen Klangsensibilisten war die Posaune blasende
und Geige spielende Roelofs fast so etwas wie das Prinzip Forschheit. Kalkül
und Distanz überwogen auch bei ihrem repetuum mobile (2002), das so etwas wie
die Geburt des Zusammenspiels aus dem Geist des Webstuhls bekundete nach dem Motto:
alles, was grooven will, ist doch nur Mechanik. Ihr finaler C-& A-Moll-Beitrag
in a-moll ist ungleich c-moll war eine Art motorischer Organentnahme am Leichnam
von Johann Sebastian Bachs a-Moll-Violinkonzert, die ein Alfred Schnittke nicht besser
hätte vornehmen können.
Udo Diegelmanns Five Movements für Violine, Posaune, Kontrabass, Schlagwerk
und Elektronik waren das zeitaufwändigste Werk. Das Stück basierte über
weite Strecken auf Tonhöhen der sonst eher nur als Pulsgeber genutzten Schlaginstrumente
Becken und Trommel samt einigen abstrakten Geräuschbändern und dem Umspielen
durch die Trio-Kombattanten. Eine längere Rhythmus-Sequenz darin wirkte wie
das Vorzeigen des einstigen Jazz-Wurzelwerks, das nurmehr wie im Schauglas existiert.
So war der Abend eine konstruktive Paradoxie: Neue Musik und Jazz endlich geeint.
• Das Konzert der Herbsttage am heutigen Freitag, 8. November, in der Romanfabrik,
das unter dem Motto "Neue Musik und Lyrik" steht, bietet die Kombination
Countertenor und Schlagzeug, während der abschließende Abend am 11. November
in der Bockenheimer St.Elisabeth-Kirche mit dem Aiolos Duo Neue Musik für Flöte
und Harfe präsentiert .
...Das davor aufgeführte Konzert für Marimbaphon und Streichorchester zeichnete sich durch den hervorragenden Solisten Udo Diegelmann aus, der mit vier Schlägeln sein Instrument in schwierigen Tonfolgen und oft schnellen Tempi souverän beherrschte, wobei die Streicher des GFKM Orchesters, besonders die erste Geigerin Mimi Heinze, gekonnt assistierten.
Von unserem Redaktionsmitglied
Erika Dingeldey
Eichenzell-Adolphseck
Was ist eine Chateauphonie? Der originelle Wortmix steht für eine nicht weniger
originelle Collage aus Musik und Texten, die ein Schloss und seine Geschichte auf
ungewöhnliche Weise zum Klingen bringen.
Wie das geht und wie eindrucksvoll das sein kann, konnte man vor kurzem in Adolphseck
erleben: Drei Künstler aus Frankfurt hatten eingeladen zu einer Führung
der besonderen Art durch Schloss Fasanerie. Und alle, die sich auf dieses Angebot
eingelassen hatten, erlebten einen unvergesslichen Abend.
Töne, Klänge und Worte lockten die kleine Gruppe der Zuhörer vom Innenhof
in die Eingangshalle, wo Erzählerin Ruth Fühner mit Zitaten des Freiherrn
Schenk zu Schweinsberg die Vergangenheit des fürstbischöflichen Schlosses
lebendig werden ließ. Udo Diegelmann, ein gebürtiger Fuldaer und ein Könner
an den Schlaginstrumenten, zeigte seine Meisterschaft in musikalischer Skurrilität.
Fremdartig-schön ertönte seine Klangskulptur, witzig und faszinierend seine
Rollomusik mit Jalousie-Kurbel, Becken und Violine, rhythmisch mitreißend schmerzhaft
die „Zwischenwelt“ mit singender Säge und Knarre, die Tafelaufsatzmusik, die
im Fuldischen als Karfreitagsratsche bekannt ist.
Zusammen mit der Posaunistin Annemarie Roelofs führte der Percussion-Künstler
die Gäste durch das Schloss, das sich an diesem Abend in sanfter sommerlicher
Schönheit präsentierte.
Vom Antiquarium, wo Edgar Allan Poe literarischer Begleiter war, ging es mit zartem
Glockenspiel zur Kaisertreppe, auf der unter hohem Gewölbe die Pauken gewaltig
erklangen und die Gäste zu feierlichem Schreiten verführten. Nächste
Station war der große Festsaal, in dem Posaune und Tam-Tam warteten, ehe der
Meister der Schlag- und Trommelstöcke zu den leichten Besen griff und den goldenen
Tafelaufsatz zum vielseitigen Rhythmusinstrument umfunktionierte.
Höfisches Zeremoniell und Jagdszenen bestimmten den Klangraum im so genannten
Reihersaal. Johann Sebastian Bach hätte seine Freude gehabt an der für
Violine und Marimbaphon umgearbeiteten Invention Nr. 13 und der grandiosen Marimbaphon-Deutung
seines Präludiums. Erzählerin Ruth Fühner baute mit Joseph von Eichendorff,
Kafka und Sigmund Freud Luft- und Traumschlösser; und zu hören war auch,
was man unter einer Reiherbeize zu verstehen hat.
Der Audienzsaal im abendlichen Dämmerlicht war Edgar Allan Poes Schauererzählung
vorbehalten; auch hier ergänzten sich Schlossgeschichten und Klänge und
wurden zur Chateauphonie.
Das Finale vereinte die Besucher im Park, wo im chinesischen Pavillon mit herrlichem
Blick auf Schloss Fasanerie Udo Diegelmann und Annemarie Roelofs mit Drum-set und
Posaune einen fetzigen Abschied jazzten.
Fasanerie entließ beglückte Besucher; von Traum-, Luft- und dem echten
Schloss als Klangraum tief beeindruckt.
Gemeinsam mit Udo Diegelmann am Vibraphon eröffnete Waldemat Jarczyk den dritten Schwerpunkt des Konzertes, der der Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet war. Stockhausens 1975 entstandene Komposition "Tierkreis" zählt zu den bekannteren Werken des Komponisten. Ausgehend von der Beschäftigung mit den menschlichen Eigenschaften, wie sie den einzelnen Charakteren der Sternbilder zugeordnet sind, gestaltete Stockhausen die 12 Miniaturen in einer sangbaren Melodik. Der Zugang zu den Stücken wurde dadurch erleichtert, da den Hörern zu jedem Sternbild ein von Stockhausen selbst verfasster Text zur Verfügung stand. Man kann den beiden Künstlern ein grosses Kompliment machen: die Qualität ihrer Interpretation erweckte in vielen Zuhörern den Wunsch, das Werk wieder zu hören und sich weiter damit auseinander zu setzen.
Musik, Maschine, Materialien und im Schnittpunkt der Mensch - rund 100 Waldshuter erlebten die Faszination zeitgenössischer Musik mit Kompositionen von Bröder, Diegelmann, Suberg und Xenakis.
Ralph Mangelsdorff, der zu Deutschlands derzeit bekanntesten Countertenören gehört, führte mit seinen grossen stimmlichen Fähigkeiten den Abend bei "Kassandra" auf einen Höhepunkt.
Udo Diegelmann, Komponist und Percussionist dieses Abends, harmonisierte mit dem Marimbaphon elektronische Elemente, schien, während des Spiels zum Bestandteil einer „Mechanik“ zu werden, der er aber feine Nuancen der Veränderung einflocht. Das Thema, der Rhythmus, sie drangen vom Kopf bis in die Zehenspitzen, legten es mit ihrer harmonischen Ausrichtung scheinbar auf eine Versöhnung zwischen Mensch und Maschine an.
Die stärkste Verfremdung brachte Sehnsucht von Alois Bröder. Das Publikum wurde konfrontiert, entfremdet von Romantik, und ging mit. Nicht nur am Beifall war abzulesen, dass die Zuhörer engagiert erleben und mitdenken wollten. Die zeitgenössische Musik an diesem Abend war fern vom reinen Experiment um des Experiments willen. Durchdacht jede Note, jeder Rhythmus, jedes eingesetzte Instrument.
Mit der Zeit gehen, sich Zeit nehmen, mit Tempo spielen - all das mag im Namen des Ensembles stecken.
Andreas Subergs geräuschklangintensive Musik, elektro- akustisch bearbeitet, bildete einen tragenden Hintergrund für das Timbre der phänomenalen Countertenorstimme Ralph Mangelsdorffs.
Der 1959 geborene Udo Diegelmann hingegen, hat sich ganz einer rhythmisch zentrierten, minimalistisch ausformulierten Komponierweise verschrieben. Seine Kompositionen waren gleichsam die Kehrseite der Subergschen: Pattern-Taylorismus, gesteigert durch vom Band zugespielte weitere Fertigungsstufen. Schweisstreibend war das Geschäft des Schlagzeugers, der alle Schlegel beisammen halten musste um das von ihm geschaffene Räderwerk am Laufen zu halten.
Bei Iannis Xenakis Kassandra war es dann Mangelsdorff, dem der Schweiss auf die Stirn trat. Was hier, in der Katastrophenversion der aus Troja verschleppten Seherin, an Deklamation gefordert war, stellte alles in den Schatten.
In der Bundesrepublik Deutschland scheinen die Seher und Seherinnen sich allesamt im Hohen Haus zu Bonn bzw. Berlin zu sammeln, wo sie besonders treffsicher auch sich selbst zu deuten verstehen. Alois Bröder hat die gesammelten Schimpfwörter der Bundestagsabgeordneten in einer lakonischen Performance zwischen Mangelsdorff und Diegelmann mit einem Gedicht Friedrich Rückerts, Gestillte Sehnsucht, konfrontiert. Was kommt gezogen auf Traumesflügeln?, fragt der Dichter, und die kalten Seher, alles ahnenden und tief Blickenden antworten: Banditentum, Bankrotteur, Beamtenkuh; Cheflügner, Eierttänzer, Geldraffer, Lackschuh-panther, Petersilien-Guru, Sauhaufen.
B.Uske

Referenz (zum Konzert Solopercussion am 24./25.9.1999) :
Udo Diegelmann verfügt neben fundiertem handwerklichen und
fachlichem Können ebenso über pädagogisches Geschick gegenüber
seinem Publikum. Seine enorme Vielfältigkeit zeigt sich in der Beherrschung
aller Schlaginstrumente und verschiedener Richtungen. Er komponiert in solcher Art
und Weise für sein Instrumentarium, dass der Hörer spürt, die Werke
sind den Instrumenten auf den Leib geschrieben. Durch absolute Kenntniss der vielfältigen
Möglichkeiten des Musizierens auf dem Schlagwerk (Percussion), bewirkt er intensive
Hörerlebnisse, innere Bilder und starke Empfindungen.
(Irene Schuh, Malerin, Dipl.Grafik Designerin, Veranstalterin,Tel: 069/658334)
26.9.1999
Referenz (zum Konzert Solopercussion am 24./25.9.1999) :
Die hohe Qualität der Musik Udo Diegelmanns ist unbestritten. Meiner Meinung nach sollten Diegelmanns Projekte noch weitaus bekannter sein. Das Theaterhaus Frankfurt präsentiert regelmässig in den laufenden Programmen hochwertige zeitgenössische Musik.
(Gordon Vajen, Intendant des Theaterhauses, Frankfurt am Main, Tel:069/29986110)
-Als Bestandteile einer geplanten orchestralen Installation dienten Gerhard Burks Stuhlobjekte dem landesweit bekannten Schlagzeuger und Percussionisten Udo Diegelmann als Instrumente.Variationen für Klangskulpturen in Stuhlform zeigte einen Stahlrohrstuhl mit Saitenbespannung, dem durch Anschlagen und Mit- dem-Bogen-streichen, Töne entlockt wurden. Sodann das zweite Objekt aus Metallblech, das, mit Trommelstöcken und kleinen Hämmerchen zum Klingen gebracht, mit dem Drehstuhl aus Holzflächen und Metallgestell nur noch die Sitzfläche gemeinsam hatte. Dieser Dritte quietschte sich buchstäblich mittels sensibler Drehbewegungen einen ab. Ruth Fühner setzte ihre vielseitige Begabung als Sängerin und Rundfunksprecherin ein. Ihr war der Stehpultstuhl und eine aufrechte Rolle zugedacht, während ihr Partner das Sitzen in die Performance miteinfliessen liess.
Zuvor hatte Diegelmann bereits mit zwei Werken aus dem Bereich der Minimalmusic für Marimbaphon und Tonband, Kostproben seiner Fingerfertigkeit abgeliefert.
Giessener Anzeiger, 2.10.1999
-Umrahmt wurde das Programm eindrucksvoll durch die musikalischen Einlagen von Udo Diegelmann.
Während er auf dem Marimbaphon Fingerfertigkeit bewies und ein besonderes Rhythmusgefühl für seine Kompositionen, die im Hintergrund von Tonbandaufnahmen unterlegt wurden, überraschte er die zahlreich erschienenen Gäste mit musikalischen Variationen über die Stuhlobjekte. Zusammen mit der Journalistin Ruth Fühner gestaltete er eine Wort-Klang Collage der besonderen Art.
Mit Plastiklöffeln und einem Geigenbogen musizierte Diegelmann auf einem Saitenstuhl. Zur rhythmisch vorgetragenen Geschichte des Zappelphillips, der nicht ruhig sitzen bleiben konnte, nutzte der Musiker eine Metallbank als Schlaginstrument. Selbst das Quietschen von Arm und Rückenlehne eines vermutlich nicht geölten Stuhls verarbeitete er in der Performance mit Ruth Fühner, die sachliche oder poetische Texte durch verschiedene Betonungen gekonnt vortrug. Der etwas andere und unübliche Gebrauch der Sitzgelegenheiten begeisterte die Zuschauer und erreichte an diesem Abend, was alle Künstler und Autoren beabsichtigten: ein simples Möbelstück in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins zu rücken.
12.09.1999
Das Projekt Chateauphonie im Heidelberger Schloss stiess auf eine sehr positive Reaktion des Publikums und auch mir hat es durchweg gefallen. Besonders beeindruckt hat mich die fleissige Vorarbeit, die für einen solchen Abend geleistet werden muss. Ich äussere mich gerne gegenüber Ihren prospektiven Interessenten, denen Sie meine Telefonnummer geben können.
(Helmut Hein, Intendant der Heidelberger Schlossfestspiele, 06221-583502)

Die Aufführung von Udo Diegelmann und Ralph Mangelsdorff war ein berauschender Ausflug in unbekannte Hörwelten. Die gewaltige Stimme riss jedoch aus romantischem Entfliehen, zu klar war die Stimme der Seherin, Kassandra. Gerade in den Schlagwerken von Udo Diegelmann, in sich verdichtenden und lösenden Reihungen, in parallelen und gegenläufigen Rhythmen stiess das Ohr des Zuhörers auf Nichtigkeiten des Alltags, z.B. auf Schmiederhythmen. Doch im Wagnis, das Klangmaterial zu erweitern und mit bekannten Klängen zu verbinden, gelang es den Künstlern, das Publikum auf wunderbare Weise zu verzaubern.
Das con tempo Ensemble überzeugte mit zeitgenössischen Werken im Wechsel mit mitelalterlichen Motetten. Als Einstieg hatten die Künstler eine Präsentation auf dem Marimbaphon gewählt- Solist war Udo Diegelmann. Die präzise Spielweise und die eingehende Rhythmik mit elektronischer Untermalung gaben dem Stück etwas meditatives.
Die mittelalterlichen Motetten faszinierten mit der Stimme des Countertenors Ralph Mangelsdorff. Die stimmliche Perfektion und die grosse Ausdruckskraft waren grossartig.
Im letzten Stück des Ensembles konnte man Neue Musik erleben. Die Darsteller vermischten musikalische Klangwelten aus allen Bereichen. Scherbenklänge, Gesangsfetzen und Schlagzeug wurden mit Tonbandeinspielungen untermalt und entführten die Zuhörer in eine neue Welt der Unterhaltung. Diese hatte nichts mit dem Platz auf dem Sofa zuhause gemein, der Tausch mit der Kirchenbank wurde auf diese besondere Art belohnt.
Offenbacher Post vom 8.2.1999
Udo Diegelmann hat das Marimbaphon als Soloinstrument entdeckt
und spielt es wie ein Meister. Er präsentierte am Sonntag den Besuchern seines
Konzertes im Gemeindehaus der Langener Petrusgemeinde ein ausgewähltes Programm
auf einem ungewöhnlichen Instrument. Das Marimbaphon stammt ursprünglich
aus Mittelamerika und besitzt einen vollen und warmen Klang, der durch Palisanderholzplatten
und Resonanzröhren erzeugt wird.
Transkriptionen traditioneller kammermusikalischer Solowerke von u.a. J.S.Bach, P.Tschaikowski
und R.Schumann ergänzten sich mit Werken zeitgenössischer Marimbamusik
u.a. der japanischen Virtuosin Keiko Abé, des Neue Musik-Komponisten Alois
Bröder oder einer Minimal-Komposition Diegelmanns mit Tonbandplayback.
Dillenburger Post vom 20.5.1997
-Den Abschluss machte das Ensemble mit der Uraufführung des Stücks FellZeitBänder von Udo Diegelmann. Noch einmal präsentierten Diegelmann und Mangelsdorff dem Publikum ihre hochkarätige technische Leistungsfähigkeit, die am Ende des Konzerts für jeden ausser Frage gestanden haben dürfte.
Dillenburger Zeitung vom 21.5.1997
Ralph Mangelsdorff, der im vegangenen Jahr in Dillenburg als Schwan in der Aufführung der Carmina Burana begeisterte, zeigte abermals seine beeindruckenden stimmlichen Fähigkeiten. Das Werk Kassandra stellte enorme physische Anforderungen an Sänger und Schlagzeuger. Mangelsdorff fesselte die Zuhörer mit theatralischen vorgetragenen höchsten extatischen Gesängen der Kassandra, um sofort im Anschluss in die Bassrolle des Chorführers zu schlüpfen. In wohlgesetztem Kontrast folgte aus Musik für die Messe ein mittelalterlicher Gesang: Personarem trinitatem für Countertenor und Schlagwerk.
Den Schluss des Konzertes bildete eine Uraufführung des Schlagzeugers Udo Diegelmann: FellZeitBänder. Dieses Werk für Countertenor, 5 Fellinstrumente und Tonband ist in Werk der Minimal -Art. Während das Tonand die rhythmische Vorgabe wiederholt, begann Udo Diegelmann mit seinen Instrumenten eine Phasenverschiebung zu diesem Rhythms, so dass sich Überlagerungen ergaben. Der vom Countertenor vorgetragene Text bezog sich inhaltlich auf das Wesen dieser Meditationsmusik: Zeit im Fluss der Veränderung.... Ein die Zuhörer packendes Werk, bei dem sich Sänger und Schlagzeuger in enormer Konzentraton ergänzten. Die Zuhörer dankten am Schluss mit ihrem Aplaus für ein Konzert, das durch seine Vielschichtigkeit und Farbigkeit beeindruckte und das durch hohe Professionalität und einer konzentrierten Ausführung, fast schon einer Besessenheit bestach.
Darmstädter Echo vom 18.2.1997:
Alois Bröders ent/lang/tast/end für Marimbaphon überraschte als augenzwinkernde körperliche Annäherung ans Instrument (Udo Diegelmann) mit hohem Unterhaltungswert.
Darmstädter Echo vom 25.2.1997:
Udo Diegelmanns minimalistisches „Anagramm 1“ für Marimbaphon
war
von konzentriertem, suggestivem Reiz.
Main- Echo, 27.1.97
Trommelschlagen vom Schlossgraben her; Fanfarenschmettern vom Belvedersche; Prinz, Prinzessin und der ganze imaginäre Hofstaat samt allen Handwerkern treten ein. Fragmente aus Kafkas Roman" Das Schloss", Gedichte von Eichendorff , Texte von Bachelard....
Ruth Fühner liest in fesselnder Mikro-Dramaturgie und mit faszinierend einfühlsamen Tonfall. Annemarie Roelofs spielt-Posaune, Geige; Udo Diegelmann schlägt Pauken, Marimbaphon, Tamburin, Kastagnetten- und streicht: seine ganz spezielle Version der singenden Säge (in Grösse eines Kontrabasses).
Die drei Künstler spielen hochvirtuos an diesen beiden wildromantischen Abenden und jeder auf seine ganz eigene Weise mit der Phantasie des Publikums. Im Schloss funktioniert das Telefon offenbar ausgezeichnet, heisst es bei Kafka. Das Telefon im Schlösschen trat den Beweiss dafür an- und zählte nunmehr ebenso zu den Akteuren wie die quakenden Enten im Schlossgraben, der jaulende Hund und der Kasettenrecorder.
(Brigitta Manzanec)
Die von dem Schauspieler Ulrich Cyran eingeworfenen Spruch-Paraphrasen aus Peter
Handkes „Die Weissagung“ wurden von Udo Diegelmann mit virtuoser Glaspercussion unterlegt.